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Kollege oder Freund

Sind Kolleg*innen Freund*innen oder nicht?

Unternehmenskultur Aktualisiert am: 22. Juni 2023 4 Min.

Man verbringt mit ihnen oft mehr Zeit als mit dem (Ehe-)Partner*in, teilt Freud und Leid, meistert gemeinsam Stresssituationen und erfährt dabei sehr viel Privates: Macht das aus Arbeitskolleg*innen nicht automatisch Freund*in? Nein, meint Arbeitspsychologin Christa Schirl, und erklärt, wie wir unangenehmen Missverständnissen vorbeugen können.

Gestern noch hast du dir alle Details über die Beziehungskrise deiner Kollegin angehört, als sie völlig in Tränen aufgelöst zur Arbeit erschienen ist, hast ihre Termine übernommen, sie beim Chef entschuldigt – und heute das: Nachgefragt, ob sich der A**** hoffentlich entschuldigt hat, starrt sie dich entgeistert an und knallt dir ein: „Das geht dich überhaupt nichts an!“ um die Ohren. Das sitzt.

Was da passiert ist, erklärt uns Arbeitspsychologin Christa Schirl.

Kolleg*in oder Freund*in: Die Beziehungsebene entscheidet #

Beim Umgang miteinander ist die aktuelle Beziehungsebene entscheidend. „Der erste Freund ist anders als der zweite, die beste Freundin aus der Kindheit anders als die Freundin im Erwachsenenalter. Auf der persönlichen Ebene kann man niemanden ersetzen. Aber im Beruf ist jeder ersetzbar, da sind wir auf der funktionalen Ebene.“ Diese beiden Ebenen führten im oben beschriebenen Fall zu einem Missverständnis: „In diesem Fall gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen der Beziehungsebene. Die eine Partei interpretiert in einen einmaligen Vorfall mehr als die andere“, erklärt Schirl.

„Auch wenn ich einem Kollegen anvertraue, aus welchem privaten Grund ich meine Arbeit heute nicht erledigen kann, macht uns das nicht zu Freunden.“

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Die persönliche Ebene kann die Funktion beeinflussen #

Als Kolleg*in müssen wir uns, so Christa Schirl, immer bewusst darüber sein, in welcher Funktion wir miteinander interagieren, denn meist werde in die funktionale Ebene zu viel hineininterpretiert: „Das Arbeitsumfeld als Familie, als Freundeskreis, das ist ja recht schön, aber das Wichtigste ist die Funktion, die ich dort erfülle: Bin ich Empfangsmitarbeiter*in, bin ich Verkaufsleiter*in, bin ich eine neue Führungskraft? Entsprechend gehe ich mit meinen Kolleg*innen um.“ Problematisch wird es aber, wenn sich Privates auf meine Funktion auswirkt, wie im eingangs genannten Beispiel: „Ein persönliches Problem spielt oft auf die funktionale Ebene herein: Probleme in der Familie oder das Burnout einer Mitarbeiter*in können dann ein organisationales Problem werden. Denn wenn jemand auf unabsehbare Zeit ausfällt oder ihre*seine Arbeit nur eingeschränkt erledigen kann, leiden die anderen Funktionen unter der Mehrbelastung.“

Wenn Privates und Beruf vermischt werden #

Wie das oben genannte Beispiel zeigt, fällt es oft schwer, die persönliche Ebene von der funktionalen zu unterscheiden. Auf der Weihnachtsfeier erfahren wir private Details vom Kollegen X und halten ihn danach für unseren besten Freund. In der Mittagspause trösten wir die Kollegin Y über einen familiären Schicksalsschlag hinweg und glauben, ihr plötzlich nahe zu stehen. Das sind Trugschlüsse, die dann zu unangenehmen Situationen führen können. Genauso, wie wenn eine private Freundin plötzlich zur Kollegin oder sogar zur Vorgesetzten wird. Dann gilt es, besonders strikt zwischen Privatem und Beruf zu trennen, erklärt Schirl: „Stellen Sie sich vor, Ihre Freundin wird ihre Chefin. Und obwohl Sie sich gestern Abend noch ihre ganzen privaten Probleme angehört haben, schickt sie heute eine andere Kollegin zu der Veranstaltung, zu der Sie gerne gegangen wären. Bevor Sie sich jetzt ärgern, bedenken Sie: Diese beiden Ereignisse haben nichts miteinander zu tun, da Sie in unterschiedlichen Funktionen miteinander interagiert haben.“

Freundschaft mit Kolleg*innen kann auch schaden #

Wenn Kolleg*innen zugleich auch Freund*innen sind, muss man sich, so Schirl, immer darüber bewusst sein, in welcher Ebene man sich gerade befindet. Denn, wie das Beispiel vorhin zeigt: Eine private Freundschaft bedeutet nicht, dass auch im beruflichen Kontext alles reibungslos läuft. „Eine gute Beziehungsebene hilft zwar, mit Reibungspunkten besser umzugehen. Aber wenn man es sich nur mehr gegenseitig recht machen will, um den anderen nicht zu verletzen, wird die Arbeit drunter leiden“, erklärt Schirl. Aus diesem Grund bevorzugen viele Menschen die Trennung von Beruflichem und Privatem, womit wir an den Anfang des Artikels zurückkommen.

Kolleg*in: ja, Freund*in: nein – so lehnst du Freundschaftsangebote ab #

Im eingangs beschriebenen Fall hätte die Kollegin mit Beziehungskrise der anderen freundlich erklären können, was Sache ist, statt sie anzuschnauzen. Mit offenen, ehrlichen Worten könne man sehr anhänglichen Kolleg*innen klarmachen, dass die Beziehung zwar freundschaftlich, aber keine echte Freundschaft ist, erklärt Christa Schirl. Beispielsweise, wenn immer wieder Einladungen zum gemeinsamen Feierabend kommen: „Jemanden abzuweisen ist natürlich nicht leicht, aber wenn man keine Freundschaft eingehen möchte, sollte man das offen kommunizieren. Letztlich geht es in der Arbeit immer darum, seinen Job gut zu machen und nicht darum, neue Freund*innen zu finden.“

Hilfreiche Formulierungen #

  • Danke, ich fühle mich geehrt, aber ich möchte mich auf meine Arbeit konzentrieren.
  • Es fällt mir jetzt schon schwer, die Freundschaften zu pflegen, die ich habe. Lass uns bitte einfach Kolleg*innen sein.
  • Ich finde, wir sind tolle Kolleg*innen und möchte, dass das so bleibt. Freunde habe ich schon genug.
  • Danke, dass du dich gestern so lieb um mich gekümmert hast, aber ich möchte mein Privatleben gern privat bleiben lassen.
  • Ich möchte Berufliches von Privatem trennen, bitte um Verständnis.

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